Am 20. März 2018 werde ich im Forum Vogtei zum Thema "Eltern gegen Lehrer - Wer gewinnt im Klassenzimmer?" mitdiskutieren.

Eltern gegen Lehrer - Was läuft schief?

Eltern wollten immer schon nur das Eine für Ihre Kinder, nämlich das Beste. Nicht immer forderten Sie dies mit der gleichen Vehemenz. Ist ihre Sorge um die Bildung berechtigt oder reine Hysterie? Warum blockieren Lehrer und Schulbehörde diese vermeintlich schwierigen Eltern und mauern anstelle, dass sie in einen konstruktiven Dialog treten? 

Gesellschaftspolitisch und wirtschaftlich hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten vieles verändert; darüber sind sich die meisten einig. Wenn man von bildungsrelevanten Veränderungen spricht, dann ist nicht von kleinen, nationalen Veränderungen wie die des “Lehrplans 21” die Rede, sondern von globalen Megatrends, die unsere Gesellschaft grundlegend verändert haben. Der globale Wettbewerb und die damit verbunden Zukunftsängste zum Beispiel erhöhen den Druck und die Sorge um die adäquate Bildung an den Schulen. War eine Berufslehre oder ein Hochschulabschluss vor 25 Jahren noch ein Garant dafür, erfolgreich Karriere zu machen, kommen heute viele Unsicherheitsfaktoren hinzu; gibt es den Dienstleistungsjob nach meiner Ausbildung überhaupt noch (Stichwort: Roboter und Artificial Intelligence)? Wie lange werde ich den gleichen Job überhaupt ausüben können und habe ich die richtigen Voraussetzungen, mich einer sich rasant verändernden Arbeitswelt anzupassen? Fragen, die für Eltern von zentraler Bedeutung sind. Ihnen diese Sorge wegreden zu wollen bzw. zu bagatellisieren, betrachte ich als grossen Fehler seitens der Schulbehörde aber auch der Medien. Werden diese “neuen” Eltern als mühsame “Helikoptereltern” bezeichnet, ist dies nicht nur fehl am Platz, sonder führt nirgendwo hin. Es besteht die Gefahr, dass immer mehr Eltern in der Weigerung einzelner Schulen und Schulkreise, sich dieser Anlegen anzunehmen, einen Bildungsabbau vermuten. Dass Familien, die sich dies finanziell leisten können, in der Konsequenz ihre Kinder aus den staatlichen Schulen nehmen und in Privatschulen schicken, erstaunt weiter nicht. 

Aus diesem Blickwinkel heraus, überrascht es umso mehr, wenn man schaut, was sich die beiden Seiten gegenseitig vorwerfen. Beide ignorieren nämlich den Wandel und scheuen, dessen Konsequenzen. Lieber wird einer Zeit nachgetrauert, in der Eltern die Schule noch unhinterfragt akzeptierten und Eltern darauf vertrauten, dass die Schule das Richtige tut. In der aktuellen Debatte um die schwierigen Eltern wird ausgeblendet, wie viel komplexer das Leben in den letzten 25 Jahren geworden ist und inwieweit auch in anderen Lebensbereichen Autoritäten nicht mehr unhinterfragt akzeptiert werden (zB in der medizinischen Versorgung/Compliance).
Als ich zum Beispiel in den 70er Jahren zur Schule ging, hatten meine Eltern wenig Kontakt zur Schule bzw. zu den Lehrern, ausser ein Mal im Jahr am Elternabend und am Elterngespräch. Die Lehrer konnten walten, wie sie wollten und Eltern vertrauten der Schule. Heutzutage wollen und dürfen Eltern in der Schule mitpartizipieren. Dies ist sogar gesetzlich festgelegt und geregelt. Eltern betrachten es folglich als ihr Recht in der Schule mitzureden. Sie wollen Informationen darüber, welche Schulmittel verwendet werden, was für eine Schulhauskultur und was für ein Disziplinarsystem an der Schule propagiert wird. Eltern verlangen Transparenz und Gespräche. Im Zeitalter der Digitalisierung und Automatisierung wollen Eltern einen offenen Diskurs darüber, inwiefern stures Auswendiglernen und zu viel Konformismus an der Schule noch zukunftsträchtig ist. Sie fragen sich, wo in der heutigen Volksschule Innovation, Kreativität und Originalität gefördert wird und hinterfragen beispielsweise pädagogische Konzepte, die nur die braven, fleissigen, Schüler belohnen.

Leittragende in dieser Entwicklung sind unweigerlich die Lehrer. Sie sind im Sandwich zwischen Bildungspolitik und Eltern und dadurch mit immer mehr und neuen und vor allem zeitaufwendigen Herausforderungen in der Elternarbeit konfrontiert. Neben didaktischen Kompetenzen brauchen sie heute vor allem gute Kommunikationsfähigkeiten. Damit die Last jedoch nicht nur auf den Schultern der Lehrer lastet, braucht es vor allem gut geschulte, konfliktfähige Schulleiter und Schulbehörden, welche Lehrer und auch Eltern gut zu führen wissen. Gelingt es diesen nicht, ihre Lehrer in ihren neuen Rollen zu stärken und die Anliegen der Eltern konstruktiv aufzunehmen, kann es vorkommen, dass frustrierte Eltern die Schulbehörden, Medien oder in unschönen Fällen sogar Anwälte einschalten. Es ist jedoch wichtig, dass man nicht aufgrund von wenigen Einzelfällen generalisiert; der Gang zum Anwalt ist immer ein Einzelfall. Wenn sich Eltern zusammen tun, um mit einem Anliegen an die Medien zu treten, dann ist aus meiner Erfahrung bereits sehr Vieles schief gelaufen. 

Dies weiss auch Beat Zemp, Präsident des Lehrerdachverbandes. Früher wurden Entscheide der Schule von den Eltern vorbehaltlos unterstützt. Die heutige Elternarbeit ist für die Schule deutlich anspruchsvoller geworden. Deshalb hat der Dachverband auch einen neuen Leitfaden mit dem Titel «Schule und Eltern: Gestaltung der Zusammenarbeit» entworfen, der den alten aus dem Jahr 2004 ersetzt. Man finden in diesem 53-seitigen Bericht eine entsprechend klare Analyse der sich veränderten Umstände. Auch dass der vielfältige kulturelle Hintergrund und die divergierende gesellschaftliche Wertvorstellungen zu unterschiedlichen und zu laufend neuen lokalen Formen der Zusammenarbeit mit den Eltern führen, wird bemerkt. Der Leitfaden betont immer wieder, wie wichtig es für die Schule sei, den unterschiedlichen sozioökonomische Kontext, der in einem Quartier anzutreffen ist, zu berücksichtigen und sich im Klaren zu sein, welche Bildungsambitionen in den Familien vorherrschen. Dies kann - je nach Quartier - sehr unterschiedlich ausfallen.  

Fazit: Die Zeiten haben sich geändert. Ohne, dass beide Seiten akzeptieren, dass Veränderungen stattgefunden haben, wird im Kreis herum geredet und sich gegenseitig die Schuld zugewiesen. Deshalb braucht es kein Gegeneinander sondern ein gutes Miteinander. Die Herausforderungen der Zukunft können nur in Angriff genommen werden, wenn beide Seiten die Veränderungen annehmen und diese nicht bekämpfen. Ziel sollte sein, einen machbaren Konsens zu finden, Elternpartizipation als Chance und nicht als Mühsal zu sehen und gegenseitig im Diskurs zu bleiben. Nur so können neue, konstruktive Lösungen gefunden werden, welche die best möglichen Voraussetzungen liefern, dass die Kinder eine positive Schulzeit erleben und richtig auf die zukünftige Arbeitswelt vorbereitet werden. 

Webseite: Forum Vogtei, PDF: Eltern gegen Lehrer