Es gibt kein Leben unter 100 Ferritin

Das hat meine Kollegin Kafi Freitag vor einiger Zeit in einer ihrer witzigen Antworten geschrieben. Und ich stimme ihr voll und ganz zu.

Ich bin immer wieder vor den Kopf gestossen, wie stiefmütterlich mit dem Problem "Eisen-" bzw. "Ferritinmangel" in der Schweiz umgegangen wird. Frauen werden zu Bittstellerinnen und Ärzte und Krankenkassen beharren auf einem absurd tiefen Ferritinwert von 30 als Untergrenze. "Wenn ich einen Ferritinwert von 30 habe, bin ich eigentlich nicht mehr funktionsfähig, dann habe ich Schwindel, Konzentrationsmangel, Kopfschmerzen, schlafe schlecht und fühle mich miserabel", berichtet mir kürzlich eine Klientin, Mutter von 2 Kindern. Auch ich habe über lange Zeit meines Lebens meinen Ferritinmangel (=Erschöpfung)  psychologisiert, habe meine dünne Haut als Ausdruck meiner Persönlichkeit verstanden. Meine Mutter meinte schon immer "ich sei halt eine Sensible". Das war bevor ich realisierte, dass es kein Leben unter 100 Ferritin geben kann, jedenfalls nicht für mich! Unter 100 Ferritin bin ich nämlich nicht mich selbst. Ich ich bin erschöpft und nicht  in meinen Ressourcen und muss ständig an lästigen Symptomen "herumdöckterle". 

Ich erinnere mich an eine andere Klientin, die mich vor vielen Jahren aufgesucht hat. Sie war sehr aufgewühlt und die Tränen standen zuvorderst. Es sass mir eine schöne, starke Frau und Mutter gegenüber und war nur noch ein Häufchen Elend. Es war ihr alles zu viel: die beiden Kinder, der Mann, der Job, sie konnte schlicht und einfach nicht mehr. Am meisten belastete sie die Beziehung zu ihrem Mann, von dem sie sich ungerecht behandelt fühlte. Sie besprach gleich in der ersten Stunde, dass sie umbedingt mit ihm in Paartherapie gehen müsse, sonst laufe sie ihm noch davon. 

Für mich war relativ schnell klar, dass ich eine Frau mit einem Ferritinmangel vor mir hatte. Eine Frau, die nicht mehr in ihrer Stärke sein konnte, weil sie zu erschöpft war und die Welt nur noch durch eine negative Brille sah. Aus Ihrer Erzählung wurde mir auch deutlich, dass sie ihren Mann sehr liebte und er sie offensichtlich auch. Deshalb vereinbarte ich mit ihr, vorläufig auf eine Paartherapie zu verzichten, erstmals den Ferritinspiegel zu messen und allenfalls mit Infusionen den Mangel zu beheben. Wir verabredeten, dass Sie mich nach 1 Monat wieder treffen sollte. Vier Wochen später sass eine verwandelte Frau vor mir. Den Tränen war eine selbstbewusste Ausstrahlung gewichen. Sie hatte tatsächlich einen grossen Ferritinmangel. Der Wert war bei 8, das heisst ihr Eisenspeicher war fast vollkommen leer. Sie bekam insgesamt 3 Infusionen und Vitamin B12 verabreicht und fühlt sich nach der 2ten Infusion wie neugeboren. Was für mich vor allem entscheidend war, ist dass die Beziehungsprobleme einen Monat später nicht mehr vorhanden waren. Die Kommunikation verlief wieder besser, sie fühlte sich weniger schnell angegriffen oder verletzt und hatte wieder Kraft und Freude an ihrem Mann und ihren Kindern. 

Fazit. Es wäre für mich als ihr Coach einfach gewesen, auf ihre Erschöpfung einzugehen oder die Beziehungskonflikte mit ihrem Mann zu bearbeiten. Nur hätte es wenig gebracht, denn die Ursache der "meisten" Probleme waren körperlich bedingt und nicht seelisch.