Tilllate.com hat mich kürzlich gefragt - Gibt es ein Liebes-Beuteschema?

Nach meinem Interview mit tilllate.com - hier - habe ich mich hingesetzt und folgendes zusammengefasst. Es ist etwas ausführlich geworden, doch wer immer wieder mal an den oder die Falsche gerät, sollte unbedingt weiterlesen.

Fixiert aufs fixe Beuteschema oder warum man sich immer wieder “falsch” verliebt.

Dieses Mal kommt es garantiert anders!”, sagte mir kürzlich ein guter Freund, der unter uns gesagt ein ausgesprochenes Talent hat, sich blind in die nächste Verliebtheit zu stürzen. Die Alarmglocken, die läuten sollten, gehen bei ihm nicht los und seine Freunde haben es aufgegeben, auf ihn einzureden. Eigentlich ist es total unverständlich, warum er derart Pech in der Liebe hat, zumal er sehr gut bei den Frauen ankommt. Er ist charmant, gutaussehend und besitzt die Killermischung zwischen Bad Boy und Traum-Schwiegersohn. Der Haken ist nur, dass sich sein Beuteschema auf mädchenhafte Frauen - die sich partout nicht binden wollen - beschränkt. Die Frauen, die ihm den “Ärmel rein nehmen”, sind entweder vergeben, trennen sich nicht endgültig vom alten Partner oder wollen von vornherein nichts von ihm wissen. Diejenigen Frauen, die zu ihm passen und ihn auch haben möchten, meidet er wie der Teufel das Weihwasser. Mit anderen Worten: er ist fixiert auf sein fixes Beuteschema.

Wie kommt es, dass sich jemand derart nach einer Beziehung sehnt und innerlich alles daran setzt, dass es niemals dazu kommen wird?

Zugegeben, das oben erwähnte Beispiel ist ein Härtefall, und nicht jedes Beuteschema ist gleich handicapierend. Wir haben alle unser Beuteschema. Bei den Einen ist es sehr fix und lässt kaum Ausnahmen zu, bei anderen besteht die Möglichkeit, mehr Flexibilität zuzulassen und das Spektrum zu öffnen. 

Was ist das Beuteschema?

Das Beuteschema ist - einfach ausgedrückt - das Bauchgefühl beim Daten. Der instinktive Teil in uns, den wir nicht mit dem Kopf steuern können. Es kann gut sein, dass man haargenau weiss, was einem gefällt und gut tut, hat das Beuteschema jedoch einen vermeintlichen “Match” gefunden, schaltet es den Kopf einfach aus. Dann macht es uns blind mit Verlangen und Sehnsucht, verursacht die bekannten Schmetterlinge im Bauch, die Obsession im Denken und die schlaflosen Nächte. Das Beuteschema ist dafür verantwortlich, dass wir süchtig, wie ein Junkie nach einem “Match” Ausschau halten. So wird der immer gleichen Kick herbeigesehnt, selbst dann, wenn man weiss, dass der Kick nicht lange währt und meist mehr Kummer als Freude bereitet. 

Es gibt selbstverständlich auch einfacher gestricktere, weniger destruktive Beuteschemata. Findet eine Frau beispielsweise eher fürsorgliche, warme, familienorientierte Männer attraktiv, gibt wenig auf Äusserlichkeiten und gehört selbst zum häuslichen, mütterlichen Typ, dann steht es relativ gut um ihre Beziehungschancen. Oder steht ein Mann auf die unabhängige, selbstständige Frau und trifft dabei auf eine Karrierefrau, die neben dem Job noch genügend Zeit findet, sich auf ihn einzulassen, dann steht dem Beziehungsglück wenig im Weg. 

Der Haken

Meistens ist es aber nicht so einfach. Oft gibt es nämlich einen Haken beim Beuteschema, d.h. eigentlich steht die Frau schon auf den fürsorglichen, häuslichen Typ, dieser muss dann aber noch andere Vorstellungen abdecken, wie zB. das Karrieretier sein, sportlich und durchtrainiert sein und dazu noch Humor haben. Oder der Mann steht zwar auf die unabhängige, langbeinige Amazone, ist dann aber doch enttäuscht, wenn sie wenig Einfühlungsvermögen zeigt und sich so gar nicht um ihn kümmert, wenn er sie braucht.

Warum aber dieses Dilemma? Das Beuteschema sagt wenig über Beziehungschancen und Alltagstauglichkeit der Partner aus, sondern umschreibt, was unser Blut in Wallung bringt, was wir visuell und sexuell als anziehend empfinden. Das heisst, bei wem wir schwach werden und weiche Knie bekommen und nicht, wer unser ideale Partner ist.

Hat man also ein fixes Beuteschema, dann sollte man mindestens nach dem dritten Mal hellhörig werden und sich fragen, wie hilfreich es für das Beziehungsglück ist, sich unhinterfragt auf dieses trügerische “Bauchgefühl” zu verlassen. 

Wie kann man sein eigenes Beuteschema überlisten?

Der erste Schritt ist sicher, sich selbst genauer kennen zu lernen. Dafür braucht es meist auch schlechte Erfahrungen. Schlechte Erfahrungen helfen immer auch, sich ein klareres, deutlicheres Bild davon zu machen, was unser Muster ist und wie wir in Liebesdingen funktionieren. Nützlich kann auch sein, mit der besten Freundin oder besten Freund darüber zu sprechen. Diese kennen oft das eigene Beuteschema erstaunlich gut, besser als man selbst. Ausserdem ist es wichtig, sich so viel Eigenwissen wie möglich anzueignen, was einem wirklich gut tut und auf was man in einer Beziehung wirklich Wert legt. Wenn man unsicher ist, unbedingt auch auf die Empfehlung der Freunde hören und sich auch dann auf ein Date einlassen, wenn die Person uns auf den ersten Blick nicht vom Hocker haut. Allenfalls ein zweites oder drittes Date anhängen, um die Person - die wir eigentlich sympathisch finden, aber irgendwie nicht sexy - besser kennen zu lernen. 

Online Dating ist eine weitere Möglichkeit, sein Beuteschema zu überlisten. Die vorgeschlagenen Matches beruhen auf ausgeklügelten Algorithmen und Wissen darüber, in welchen Bereichen der Beziehung es Übereinstimmung braucht und wo es besser ist, wenn man sich unterscheidet. Es werden beim Online Dating garantiert Menschen vorgeschlagen (Matching), denen wir im Alltag niemals Beachtung schenken würden, und doch irgendwie zu uns passen. 

Eine Freundin zum Beispiel, hat sich auf auf einem seriösen Online Portal angemeldet, nachdem ihre Ehe auseinander ging. Ihr Beuteschema war eher auf kreative, sportliche, extrovertierte und unkonventionelle Männer ausgerichtet. Glücklicherweise war sie reif und erfahren genug, ihr Spektrum zu erweitern. Sie liess sich auf ein Date mit einem Banker ein - jemanden, dem sie ohne Matching sonst nie Beachtung geschenkt hätte. Die beiden sind nun seit mehreren Jahren ein glückliches Paar. Der neue Partner passt gut zu ihr und seine berufliche Laufbahn sagt wenig über seine private Person aus. Eine Klientin Mitte 30 wollte einen Mann finden, um eine Familie zu gründen. Ihr Beuteschema - das wusste sie - war aber auf Männer ausgerichtet, die diesen Wunsch nicht teilten. Dank intensiver Auseinandersetzung mit sich selbst und einer neuen Offenheit für Männer mit mehr häuslichen Qualitäten und weniger “offensichtlichem” Sexappeal hat sie über Online Dating einen Partner kennengelernt und bekam letztes Jahr ihr erstes Kind von ihm.