Zöliakie und das Problem mit dem Kalzium

Meine Tochter Lucy hat mit 17 Monaten die Diagnose Zöliakie bekommen. Das war für eine Diagnose sehr früh und für mich als Mutter natürlich ein richtiger Schock, zu sehen, wie ein Baby vor meinen Augen immer mehr an Gewicht und Kraft verliert. Umso mehr war es erstaunlich, wie schnell sie sich mit einer glutenfreien Diät wieder erholte und ihre Lebenskräfte zurückkehrten. Ich aber hatte länger, mit dieser doch einschneidenden Umstellung, gelassen umzugehen. Heute ist alles anders und einfacher und das Leben mit einem Familienmitglied, das glutenfrei essen MUSS, ist unkomplizierter geworden. Diese Erfahrung hat mich dazu bewogen, ein Beratungsangebot  für neudiagnostizierte Zöliakiebetroffene und deren Eltern auf die Beine zu stellen. Gedacht war eine Art "Case Management" für den Anfang, jemand, der mit Rat und Tat zur Seite steht, im Prinzip genau das, was ich mir in der Anfangszeit auch gewünscht hätte!

Eine dieser Hürden bzw. Herausforderungen bei der Behandlung einer Zölaikie, ist zum Beispiel, wie man mit all den Mangelerscheinungen (Vitamin D, Kalzium, Eisen, Zink, Selen, Fohlsäure, Vitamin B12) umgehen soll? 

Milch, so schlecht wie ihr Ruf?

Bei Zöliakie stellt man zum Zeitpunkt der Diagnose (aber auch in den Folgeuntersuchungen) häufig fest, dass ein ausgeprägter Kalziummangel vorhanden ist, eine sogenannte Hypokalzämie (oft gekoppelt an einen Vitamin D Mangel). Auch ohne Zöliakie ist der Kalziummangel übrigens kein seltenes Phänomen, spricht man doch in der Normalbevölkerung von einer Prävalenz von 15%. 

Über das, was man tun soll, wenn ein Kalziummangel besteht - ob und wie man substituiert - gehen die Meinungen stark auseinander. Ein Streitpunkt bei der Behebung des Mangels ist, ob man Kalzium in Tablettenform verabreichen soll, oder über die Ernährung substituiert. Soll heissen, entweder über Milchprodukte, oder andere Quellen von Kalzium (wie zum Beispiel Brockoli, Grünkohl, Pack Choi, Bohnen, Linsen, Tofu etc.) hinzuführt. Dabei geht es u.a. auch immer um die Frage, wie gut der Körper das Kalzium aus der Ernährung aufnehmen kann. Erschweren tut sich die ganze Situation bei der Zöliakie häufig auch dadurch, dass am Anfang oft eine Laktoseintolleranz hinzukommt. Das heisst, dass anfänglich auf Milchprodukte gänzlich verzichtet werden muss.

Vergangenes Wochenende hatte ich nun per Zufall die Gelegenheit, genau dieses Dilemma mit einem Fachexperten zu besprechen. Dr. Fazil Hannan, Assistenzprofessor and der Universität Liverpool und Grundlagenforscher im Bereich Mineralstoffwechsel (v.a. Kalzium) war bei uns zu Besuch und ich ergriff die Gelegenheit, ihn zu fragen, wie man Kalziummangel am besten behandelt und was es eigentlich mit der Milch auf sich hat? Darf bzw. soll man Milch trinken, wenn man einen Kalziummangel hat oder gibt es dafür bessere Nahrungsquellen?

Seine Antwort war einfach; Milch sei nach wie vor die beste Quelle für Kalzium, besser sogar als alles kalziumhaltige Gemüse. Dies vor allem, weil bei der Milch die richtige Balance an Mikronährstoffen vorhanden sei, welche die Aufnahme optimiert. Er meinte auch, dass es nicht auf den Fettgehalt der Milch ankomme, also Milch-Drink oder Magermilch genau den gleichen Kalziumanteil vorweisen. Er sprach sich auch gegen eine zu aggressive Substitutionstherapie mit Kalziumtabletten aus, die den Körper nur zusätzlich mit hohen Dosen an Kalzium belasten. Aufgrund der fehlenden Mikronährstoffe kann das Kalzium so gar nicht richtig in den Mineralstoffwechsel aufgenommen werden. 

Seine Zusammenfassung war: Ein ausgewogener Milchkonsum, auch bei Zöliakie, sollte bei einem regenerierten Darm ausreichend sein, den Mangel zu beheben. 

Das zu hören, beruhigte mich natürlich sehr, habe ich doch seit langer Zeit, diese Unsicherheit der Milch gegenüber mit mir rumgetragen. Milch und Milchprodukte sind also doch besser als ihr Ruf und können im gesunden Masse sorgenfrei konsumiert werden.